In vino poetas – Mit der schwimmenden Weinlese dem Sonnenuntergang entgegen

Literarische Weinprobe – Auf dem Schiff rund um die Mariannenaue

Ein Gastbetrag von Susanne Reichert
Pressesprecherin der ARS Autoren RheinMain Szene
RS_Bingen

Wie gut Wein und Dichtung zusammenpassen, haben am vergangenen Sonntag fünf Autoren der ARS Autoren RheinMain Szene bei einer schwimmenden Weinlesung bewiesen, die das Weingut Hans Lang an Bord der „Robert Stolz“ organisiert hatten. Fünf wunderbare Autoren, fünf exzellente Weine, untermalt von stimmungsvoller Musik – man kann einen sonnigen Sonntagnachmittag kaum entspannter und zauberhafter verbringen.

Jeder der ARS-Autoren hatte sich einen Lieblingswein ausgesucht und eigens dafür eine Geschichte geschrieben, die diesen passend in Szene setzte. Während diese den begeisterten Zuhörerinnen und Zuhörern vorgetragen wurde, wurden die Gäste noch mit allerlei Köstlichkeiten wie Brezeln, verschiedene Dips, Appenzeller Käse, Pfefferbeißern und frischer Rohkost verwöhnt.

Franziska von Schleyen stimmte die Gäste mit einer wunderbaren Auswahl an lyrischen Texten auf den frühen Abend ein. Die leichte und spritzige Note des Pinot Sekt brut wurde perfekt untermalt von ihrem Gedicht „Butterfly“ und verstärkte den perlenden Geschmack des Sommers auf der Zunge. Das „Abendgespräch“ begleitete die malerischen Städtchen des Rheingaus, die am Ufer vorbeizogen und widerlegte ein bisschen das Gefühl, dass „Die Zeit“ rast – egal, was du tust. In ihrem letzten Beitrag gab uns die Autorin mit auf den Weg, dass „das Leben ist wie es ist“ und gerade in diesem Augenblick war es einfach wunderbar.

In der Geschichte von Agga Kastell „Eigener Herd ist Goldes wert“ führt ein Backofen in dem neuen Heim einer Familie auf mysteriöse Art und Weise ein Eigenleben. Um dem Geheimcode „Minus 1“ auf die Spur zu kommen, genehmigt sich die Protagonistin erstmal ein Glas von einem 2015er Weißburgunder, um die überreizten Nerven zu beruhigen. An dieser Stelle waren selbst aus dem Publikum vereinzelte Aufschreie zu hören. Die Gäste nahmen neben dem frischen Geschmack des Weines außerdem das Ende einer heiteren Fantasy-Geschichte mit, die eine Möglichkeit bot, mit Hilfe eines verzauberten Backofens mit unliebsamen Begegnungen aus der Vergangenheit oder anstrengenden Verwandten aufzuräumen – und das ganz ohne Rückstände!

Mit einer humorvollen Liebesgeschichte unterhielt der Autor Rainer Franke das Publikum. „Ich bin schon da“, dachte sich sein Protagonist Christopher, der nichts so sehr hasst wie Unpünktlichkeit und schweratmend fast eine geschlagene Stunde auf seine Freundin Magdalena warten muss. Als die Herzensdame dann endlich erscheint und ihm mit ihrer magischen Erscheinung fast den letzten Atem raubt, hilft nur noch ein Glas – und noch ein Glas – eines 2015er Tell Rieslings, um den inneren Groll zu vertreiben. Die Magie des Weines trifft pfeilgerade zwar keinen Apfel, aber mitten ins Herz der beiden Protagonisten und trägt die beiden von einem späten Samstagabend in einen frühen Sonntagmorgen…

Mit der anschließenden Kurzgeschichte des Frankfurter Kultautors Meddi Müller, der neben seiner eigentlichen Passion, nämlich dem historischen Krimi-Genre, schon zahlreiche unterhaltsame Kurzgeschichten veröffentlicht hat, zeigt es sich, dass auch mit beleidigten Göttern nicht gut Kirschen essen bzw. Trauben ernten ist. Dass ein Mensch eine bessere Lage für einen Weinberg findet als die des Weingutes des Göttersohns Thor und mit dem 2012er Wisselbrunnen Riesling Grosses Gewächs den perfekten Wein produziert, ärgert den göttlichen Spross bis in die Zehenspitzen. Dass er damit auch noch eine Wette und sein Weingut verliert, erschüttert ihn bis in sein göttliches Mark. Beleidigt jagt er der Menschheit ein Unwetter nach dem anderen auf den Hals und bevor ihn der geplagte Vater Odin daran hindern kann, will er auch die Siegesfeier auf dem Weingut in Hattenheim mit einem heftigen Gewitter beenden. Dieses legt jedoch einen Brunnen frei, der seitdem die Reben mit feinstem und klarstem Wasser versorgt – und schon ist die „Legende vom Wisselbrunnen“ geboren.

Für Spannung und Mystik sorgte dann nach einer Pause der Autor Robert Maier, der den besonderen Geschmack und die eigene Note des 2011er Johann Maximilian Spätburgunder mit der Existenz von „Weingeistern“ erklärte. Glücklicherweise haben die Gäste den geschmackvollen Rotwein besser vertragen als die Protagonisten der Geschichte, die nach dessen Genuss auf unerklärliche Weise den Tod fanden. Auch für das Vorhandensein paranormaler Aktivitäten auf dem Schiff gab es zum Glück keinen Beweis.

Zum Abschluss gab es neben der 2003er Hassel Riesling Trockenbeerenauslese noch ein ganz besonderes Highlight. Der Dessertwein, dessen Trauben es mit besonderer Vorsicht auszupressen gilt, damit die Kerne nicht zerrieben werden und damit dem Wein keine störende Note verleihen, wurde begleitet von einer Geschichte der Autorin Katja Faßhauer. „Du musst bald kommen“ liest eine Frau in dem Brief von ihrer Jugendliebe Allen, die sie nie wirklich vergessen konnte. In der Erwartung, einen totkranken Menschen das letzte Mal zu sehen, macht sie sich auf die Reise, auf der sich fiebrige Erinnerungen und eindringliche Eindrücke miteinander vermischen. Aber Allen liegt nicht im Sterben und die drängende Entscheidung seine Jugendliebe zu sehen, ist das Ende eines langes Prozesses – ähnlich wie die „Trockenbeerenauslese“, der Erzeugung am Ende eines langen Reifeprozesses steht. Katja Fasshauer hat eine Geschichte geschaffen, in der jede Nuance, jedes Detail und jedes Timbre ihrer Stimme die Gäste verzauberte und in ihren Bann schlug, so dass man sich kaum wagte, Luft zu holen.

Stimmungsvoller hätte man eine Weinlesung kaum inszenieren können. Die sanften Gitarrenklänge von Harald Andres, denen die Gäste während der Pause oder oben an Deck lauschen konnten, rundeten diese schöne Veranstaltung ab. Das Publikum dankte allen Akteuren mit großem Applaus und als die „Robert Stolz“ wieder den Anleger in Hattenheim erreichte, verließ man das Schiff mit dem glücklichen Gefühl, die Uhren hätten in den vergangenen Stunden ein bisschen langsamer getickt – den Weingeistern sei Dank!

Weitere Information zu der ARS Autoren RheinMain Szene finden Sie auf der Homepage  oder auf der Facebook-Seite der Gruppe.